Seebacher: "Ritterorden vom Alten Adel" unter Heinrich VII. ein "Traumgebilde"

Fast am Ende der ordensgeschichtlichen Darstellung Seebachers findet man in aller Deutlichkeit folgende Feststellung:

Aber mit dem alten Institut hatte es einen Haken: nicht der erste der vier Kaiser hatte dieses Institut geschaffen, sondern – höchst unliebsamerweise – hatte es ausgerechnet der letzte derselben gegründet. Das war fatal, wenn man à tout prix alle vier Kaiser als mit diesem Institut lebhaftest beschäftigt hinstellen wollte. Solchem „Übelstand“ half man einfach ab, indem man die Geschichte des alten Instituts kurzerhand in eine diesem Wunsche entsprechende ummodelte; was da entstand, war allerdings ein „Traumgebilde“, das in nichts zerfliessen musste, wenn man den Namen des alten Instituts genannt hätte; daher wurde derselbe geflissentlich verschwiegen. Das ist die Ansicht, die ich von der ganzen Sache bekommen habe, ja bekommen musste, denn [...] es ist aus der Geschichte nachweisbar, dass Kaiser Heinrich VII. niemals einen Ritterorden gegründet hat. Die Geschichte dieses Kaisers weiss darüber nichts zu vermelden.
 
Kerckhove und auch alle übrigen Herren Ordensbrüder von 1839 u.s.w. haben es aber unterlassen, diese auf sie überkommenen Angaben auf ihre Stichhaltigkeit zu untersuchen, denn auch nach 1926 [also nach der sog. "demokratischen" Ordens-Reorganisation] war der Glaube an sie noch viele Jahre hindurch unerschüttert. Zu unrecht, denn dieselben haben sich als ein rechtes Gemisch von Wahrheit und Dichtung erwiesen.
Somit ist klar: im 14. und beginnenden 15. Jahrhundert gab es neben den ersten weltlichen Ritterorden in Ungarn mit dem Ziel der Landesverteidung nur den Deutschen Orden, der sich zum Heiligen Georg bekannte (Neuhaus!) und sich für ein klares Ziel, nämlich das der deutschen Ostkolonisation einsetzte, aber keinen "Ritterorden vom Alten Adel" bzw. "Alten Ritterorden vom Heiligen Georg" - dieser ist ein Gebilde der dynastischen Eitelkeit und der romantisierenden Phantasie des 18. Jahrhunderts, wenn nicht sogar noch viel trivialere Motive ausschlaggebend für seine Gründung waren.
 
Dieses "Traumgebilde" wurde spätestens 1954 entlarvt, und zwar durch einen der treuesten Gefolgsleute des "Ritterordens vom Alten Adel". Seebachers Kompilation wurde aber offenbar von niemandem ernsthaft gelesen, geschweige denn die notwendigen Schlussfolgerungen daraus gezogen - das "Gemisch von Wahrheit und Dichtung" besteht somit unverändert bis heute ...
 
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Zitate aus:

Ursprung und geschichtliche Entwicklung des Alten Sankt Georgs-Ritterordens.

Eine Zusammenstellung aus verschiedenen Geschichtswerken und Dokumenten.

Von k.u.k. Rittmeister d. R. Otto Maria Seebacher

 

Otto Maria Seebacher
* 1889, † 1962 Hartberg, Steiermark